DER BOHRTURM, DIE BÜHNE, DIE SÄNGER UND DIE SEHNSUCHT (UND DIE BEWEGUNG DER NULL)

 

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DER BOHRTURM, DIE BÜHNE, DIE SÄNGER UND DIE SEHNSUCHT (UND DIE BEWEGUNG DER NULL) von Peter Josef Abels

Eröffnung: Fr. 25. Aug. 2017  19 Uhr

Martinstr. 58 und Bachst. 1a  40223 Düsseldorf

Öffnungszeiten: 26. – 27. Aug. 15 – 18 Uhr

Künstlerführung: Sa. 15 Uhr, So. 15 und 17 Uhr

 

Fotos: Tobias Brembeck

 

 

Interview mit Peter Josef Abels (Piö)

Sue(S): Guten Tag, Piö! Ich hoffe, dass unser Gespräch zu unserer Ausstellung und deinen Arbeiten, die wir dabei zeigen werden, unseren Lesern helfen, einen leichteren Zugang zu unserer Ausstellung zu finden. In der Ausstellung werden zwei Orte bespielt: dein Atelier und der Raum in der Martinstraße drüben. Wie fandest du zum ersten Mal diese Idee?

Piö(P): Ja, du hast mich gefragt, ob du eine Ausstellung mit „der Bühne“ im Atelier und eine Extraausstellung drüben im Offraum 8 machen könntest. Das fand ich gut. Das ist ein Jahr her. Ich war damals noch mitten drin in der Arbeit an „der Bühne“. Meine erste Überlegung war eine Ausstellung mit großen Bildern im Offraum 8 zu machen und andererseits die Arbeitssituation an „der Bühne“ im Atelier zu zeigen. Jetzt ist die Arbeit im Mai fertig geworden. Danach räumte ich mein Atelier so auf, dass ich die fertige „Bühne“ zeigen kann. Als gleichwertige Ausstellung im Offraum 8 habe ich mir überlegt, das schwarze Schiff auszustellen.

S: Das war nicht einfach mit dem Atelier, alles umzuhängen und aufzuräumen. Meine Idee von zwei Orten kam aus einem pragmatischen Grund, da die Bühne so groß gewachsen ist. Könntest du uns diesen Prozess näher erläutern? Über diese Expansion oder die Verdichtung mit „Der Bühne“.

P: „Die Bühne“ habe ich in den 80er-Jahren gebaut. Sie ist viel ausgestellt und dokumentiert worden. 1999 habe ich die Arbeit verpackt zurückbekommen. Sie war dann 10 Jahre in meiner Garage gelagert. Irgendwann roch es komisch. Das Holzpodest hatte Schimmel, in der Verpackung drin. Da dachte ich, dass ich jetzt „die Bühne“ retten muss. Bei der Restaurierung kam ich auf den Gedanken, dass man diese Arbeit weiterführen könnte. So fing das an, und die Arbeit wuchs und wuchs. Vor allem aber wollte ich die 80er-Jahre Ästhetik „der Bühne“ aktualisieren.

S: In der Ausstellung „Die drei Weltbilder“ in der Kunsthalle Wilhelmshaven wurden neben „Die Bühne“ noch zwei Arbeiten „Die Tankstelle“ und „Der Ofen und das Hochhaus“ gezeigt.

P: Alle drei sind modellhafte Arbeiten. Davor habe ich Möbel und Objekte als Einzelstücke gebaut, die aus einer Idee entstanden sind. „Der Ofen und das Hochhaus“ hat hingegen viele Ideen drin und besteht aus mehreren Etagen. Diese Etagen haben jeweils andere Bedeutungen und der Gedanke vom Himmlischen oder Alltäglichen ist mit dieser Hierarchie eng verknüpft.
„Die Tankstelle“ war das zweite Modell. Ein Freund kam auf mich zu und sagte, dass es ein wunderbares Atelier in Köln gibt. Das war eine ehemalige Tankstelle. Die Miete war nicht teuer, aber es war unmöglich für mich, den Umbau zu bezahlen, da sie unter Denkmalschutz stand. Nachdem ich mich mit diesem Gebäude intensiv beschäftigt hatte, dachte ich, dass ich sie in einem kleineren Maßstab nachbaue. Den habe ich dann doppelt so groß wie in der Wirklichkeit angelegt und noch eine Brücke angehängt, die Hohenzollernbrücke. Wenn man die Zugstrecke nach Frankfurt fährt, kann man immer noch das Tankstellendach von oben sehen. Eine unterirdische Kathedrale, deren Vorbild ich in der Wallfahrtskirche in Lourdes sah, kam auch noch hinzu. Ich denke nämlich, dass es eine gewisse religiöse Verbindung zur Tankstelle gibt. Oder man kann sagen, dass man in der Tankstelle auch was Geistiges tanken kann. Die Konstruktion der Tankstelle beruht auf Kreis und Tangente. Die Brücke hat noch zwei Kreise wie Räder, die Tangente ist eine Straße aus der Vergangenheit in die Zukunft. In dieser Tankstelle tankt man nicht Aral oder Shell, sondern Utopia. Man tankt hier „Utopie“. Wir leben doch längst in einer Utopie.
„Die Bühne“ ist wieder ganz anders. Sie ist ein Modell einer Bühne in Schiffform. Ich hatte die bildhauerische Idee, etwas Zweiteiliges zu schaffen. Bohrturm und Bühne stehen sich gegenüber. Es sind viele erfundene und gefundene Dinge darin, die in dieser „Bühne“ als Requisiten auftreten.

S: Der Begriff „Modell“ interessiert mich sehr, da er eine große Bedeutung in den 80er- Jahren, besonders in der Düsseldorfer Kunstszene hat. Bei dir ist nicht nur die Größenwandlung ins Modellhafte (wenn man Modell mit Architektur verbindet), sondern auch die Konstruktion, die aus Geometrie und aus dem Alltag besteht zu finden.
Hannelore Kersting veröffentlichte den Text „Kunst-Modelle“ in dem Katalog für Skulptur Projekte Münster 1987. In dem Text geht es um die verschiedenen Ansätze von damals noch jungen Künstlern aus Düsseldorf, die man heute mit dem Begriff „Modell-Bauer“ verbindet. Wie war es bei dir mit der Idee von Modell?

P: In meiner Akademiezeit baute ich zuerst farbige Kästen. Himmelblau und Rosa, Hellgrün und Gelb. Jeder Kasten war aus einer eigenen Idee entstanden, Ironie spielte eine große Rolle. Dann baute ich möbelartige Objekte, deren Funktionen kollabierten. Das Material kaufte ich in den Baumärkten, dort konnte man sich die Farben mischen lassen und so weiter. Es ging dabei immer um die Idee. Man hat so seine Ideen verwirklicht, und zwar mit einem industriellen Touch, wie ein Auto. Manche Ideen ließen sich nur als Modell verwirklichen. Auch im Sinne von Gedankenmodell.
Ich glaube, dass Lego für diese Generation schon eine große Rolle gespielt hat. Heute funktioniert das Lego völlig anders, man baut irgendwas nach, „Neuschwanstein“ oder so. Wir hatten damals nur diese grundsätzlichen Steine, daraus haben wir alles Mögliche gebaut. Wir haben etwas verwirklicht, unsere Fantasie ausgelebt.

S: Ich denke da an eine Stelle aus Kerstings Text, in der sie die Arbeit „Mann im Matsch“ von Thomas Schütte erwähnt. „Es ist der permanente Wechsel zwischen Spiel und Ernst, der für Spannungen sorgt. So kann Thomas Schütte zum Beispiel seinen „Mann im Matsch“ interpretieren, dass dieses Motiv völlig willkürlich und belanglos ist, weil „ein Männchen halt einfach bis zu den Knien im Matsch herumtappt“. Andererseits wird diese Beliebigkeit im nächsten Satz aufgehoben, weil sich das Motiv als ein sehr persönliches, bedeutungsschweres Symbol entpuppt. „Das ist ein Bild, das für mich immer noch spannend ist, ein Bild des Festgefahren-Seins, ein Bild der Einsamkeit.“

P: Wenn auch „Die Bühne“ eine Komödie ist, gibt es da auch Dramen. Es geht um den Ernst des Lebens. Aber wenn man sagt „Ernst des Lebens“, fängt man gleich an zu lachen, oder?
Ein Bild von Goya fällt mir gerade ein, wo zwei Männer bis zur Hüfte im Matsch feststecken. Sie stehen direkt gegenüber und haben beide was zum Prügeln in der Hand. Sie prügeln aufeinander ein. Sie sind ja in derselben Notsituation, kommen nicht vom Fleck, aber der andere ist Schuld. Das ist wirklich tragisch, aber so ist das oft der Fall im Leben. Bei Goya muss ich einfach lachen, auch wenn er es nicht so gemeint hat. Bei Beckett findet man öfters ähnliches. Mit „der Bühne“ habe ich beides gemeint, Humor und Ernst. Mit Humor schaffst du dir Distanz, auch zur eigenen Arbeit. Der bekannte chinesische Philosoph Laozi hat einen schönen Spruch gesagt: „Sobald du dir einen Gedanken herstellst, lache darüber.“ Wenn du eine Idee hast, lache erstmal darüber, sonst sitzt du da mit dem eigenen Ernst in der Falle.

S: Dieser Spruch ist auch in „der Bühne“ zu sehen neben vielen anderen Zitaten, meistens von deutschen Literaten wie Heine, Hölderlin, Hegel, die Lebensweisheiten zu verraten scheinen. Außerdem sind noch chinesische Schriftzeichen angebracht. Funktionieren sie stichwortartig? Wie kommst du darauf?

P: Theater und Sprache gehören zusammen. Man muss nicht unbedingt die Sprache verstehen, um ein Theaterstück zu genießen. Wenn man sie aber versteht, wirkt es wie eine Metaebene. Ein zusätzliches Spiel. Auf der Bühne steht man nicht nur, sondern sagt auch was mit Gesten und es kommt noch Musik dazu. Das Ganze sollte einen Klang geben, aber eben nicht mit „Zeigefinger“. Deswegen widersprechen sich diese Zitate oder Sprüche oft, sie spielen miteinander. Ich habe immer viel und gerne gelesen und die schönsten Stellen aufgeschrieben. Viele davon sind auf der Bühne gelandet.

S: Neben Sprüchen hat „Die Bühne“ ein imposantes Farbenspiel, das sowohl bei den Plexiglasfiguren, Lichtbeleuchtungen, als auch in den kleinen Kämmerchen zu finden ist. Wie funktionieren die Farben?

P: Kompositorisch. Manchmal auch inhaltlich. Z.B. die Gelächter-Kammer ist in Türkis, zwischen Grün und Blau, die Liebe ist rot und so weiter. Ich versuche die Dinge wie die Farben und die Sprüche zum Klingen zu bringen. Immer wieder habe ich sie ausgewechselt, oder woanders platziert, je nach der farblichen Stimmung, bis die Balance stimmte.

S: Ein langer Prozess! Ich freue mich auf die Führungen von dir am Samstag und Sonntag und bin gespannt auf die Reaktionen der Besucher. Wie sie dieses Ganze und auch die Sprüche aufnehmen, ob sie einen Bogen zwischen Tatsachen und Fiktionen spannen wie in den Zitaten aus der Literatur, Sätzen aus der Reklame wie die Kleinanzeige „Wohin am Wochenende“ und Kommentaren von dir und deinen Bekannten und Freunden.

P: Ja, ich werde einen kleinen Rundgang vom „Eingang“ bis zum „Ausgang“ machen und vielleicht die kleinen Kämmerchen öffnen, wenn jemand es möchte.

Interview mit Peter Josef Abels zum Download: Newsletter No3